Protokoll des Vortrags für jüngere bzw. frühdiagnostizierte Parkinson-PatientInnen

 Vortragender: Doz. Dr. Willibald Gerschlager, FA f. Neurologie

Protokoll: Renate Lemanski am 12. November 2010

Ein Überblick über die Parkinson Krankheit

Der Morbus Parkinson („idiopathisches Parkinson-Syndrom“) ist die häufigste Ursache eines Parkinson – Syndroms. Neben dem “klassischen Morbus Parkinson“ gibt es aber zahlreiche andere Ursachen eines Parkinson-Syndroms.

Die Diagnose stellt der Arzt in Form einer klinischen Untersuchung, die im Allgemeinen ausreichend ist. Ein weiteres Zeichen für die Richtigkeit der Diagnose stellt das gute Ansprechen auf die Medikation dar. Bei Unklarheiten steht dem Arzt unter anderem zusätzlich eine nuklearmedizinische Untersuchung, SPECT genannt, zur Verfügung, die zwar ein degeneratives Geschehen im Gehirn anzeigt, jedoch keine Unterscheidungsmöglichkeit zwischen idiopathischem Parkinson- Syndrom und atypischen, seltenen Formen bietet.

Die klassischen Parkinson-Symptome sind:

  • Tremor
  • Rigor
  • Bradykinese
  • Posturale Störung

 Ein ganz wichtiges Symptom ist die Bradykinese, die Verlangsamung, die nach einer längeren, gleichförmigen Bewegungsfolge auftritt (Test: wiederholtes öffnen und schließen der Hand zur Faust). 

Bedingt durch die höhere Lebenserwartung, ist in den industrialisierten Ländern bis 2050 mit zumindest einer Verdopplung der derzeitigen Patientenzahl zu rechnen. Trotz intensiver, weltweiter Forschungstätigkeit ist der Auslöser der Krankheit bis heute nicht bekannt. Morbus Parkinson ist somit auch nicht heilbar, aber gut behandelbar.

Nach heutigem Wissensstand, liegt der Krankheit auch  kein schuldhaftes Verhalten des Patienten zugrunde. Man nimmt an, dass zu einer bestehenden Prädisposition einer Person noch äußere Faktoren kommen, die dann die Krankheit auslösen. Man geht weiters davon aus, dass die ersten Anzeichen vor dem Auftreten der klassischen Parkinson-Symptome bereits viele Jahre (10 bis 15 Jahre) vorher beginnen. Es handelt sich um nichtmotorische Störungen, die jedoch dem Morbus Parkinson nicht leicht zuzuordnen und auch unspezifisch sind. 

Es handelt sich dabei um:

  • Depression
  • Riechstörungen
  • REM  – Schlafstörungen
  • Verstopfung

 Früherkrankte Patienten leiden mehr unter der Stigmatisierung durch die motorischen Defizite als ältere Patienten. Auch Depressionen treten bei ihnen häufiger auf. Sie haben auch objektiv gesehen zusätzliche Probleme, die mit dem Berufsleben, der damit verbundenen wirtschaftlichen Situation und der partnerschaftlichen Beziehung zusammenhängen und so zu einer Verminderung der Lebensqualität führen, die ihrerseits Ängste und Depressionen auslösen können.

Die Akzeptanz der Krankheit wird von den meisten Betroffenen als schwierig eingeschätzt und der Prozess kann sich im Einzelfall über Jahre hinziehen, setzt jedoch bei erfolgter Annahme innere Kräfte frei, die vom Patienten und Angehörigen dazu genutzt werden können, die beschwerdefreien Zeiten optimal zu nützen und somit die Lebensqualität objektiv zu verbessern.

Tablettenübersicht:

 JUMEX – ein sogenannter MAO-B Hemmer, ein schwach wirksames Medikament, das nur noch selten verschrieben wird, da es nicht zur erhofften Verlangsamung  der Krankheit  geführt hat.

AZILECT – (Rasagilin) Nachfolgepräparat und ebenfalls ein MAO-B Hemmer, schwach wirksam, Verlangsamung der Krankheit nicht klar erwiesen

AMANTADIN – (PK Merz – Hofcomant) schwach wirksam, macht nicht müde, wirkt unmittelbar auf Dyskinesien

Anticholinergika – bringen viele unerwünschte Nebenwirkungen mit sich und werden daher in der Regel nicht mehr eingesetzt

MADOPAR – Levodopa, stärkste Wirksamkeit, wird jedoch bei jungen, neu erkrankten Patienten nicht als erste Wahl eingesetzt, weil es bei dieser Patientengruppe oft relativ rasch Dyskinesien auslösen kann.

Dopamin-Agonisten:

PERMAX  und CABASERiL – es handelt sich um Ergotamin-Derivate, die nur mehr wenig verwendet werden, weil sie zu Fibrosierungen der Herzklappen führen können. Bei Einnahme sollten regelmäßige EKG Kontrollen sowie Kontrollen mit Herzultraschall erfolgen.

SIFROL, REQUIP – sind nun auch als retard Präparate erhältlich.

NEUPRO (Pflaster) – Ist ebenfalls ein Dopaminagonist. Das Pflaster muss täglich gewechselt werden. Sie können akute Nebenwirkungen wie Übelkeit, Brechreiz und Schwindel auslösen.

Außerdem können neuropsychiatrische Probleme auftreten. Das zeigt sich besonders bei älteren Personen deutlich und daher ist bei ihnen Levodopa (Madopar) als Medikation vorzuziehen.

Generell zeigen Retard – Medikamente (Beobachtungszeitraum ca. 2 Jahre) eine idente Wirkung und sind für viele Patienten eine gute „Nachtüberbrückung“.

Eine Studie aus dem Jahr 2000 beschreibt erstmals das Dopamin-Dysregulations-Syndrom. Es handelt sich dabei um das Auftreten von Impulskontrollstörungen wie Spielsucht, Hypersexualität, Essattacken, Kaufrausch etc., die durch dopaminerge Medikamente ausgelöst werden können. Häufiger treten diese Kontrollstörungen unter einer Therapie mit Dopaminagonisten auf, im Vergleich mit Levodopa (Madopar).

Der Patient sollte daher vom Arzt auf diese Komplikationen hingewiesen werden. Es zeigte sich, dass Männer besonders gefährdet sind.

Die Therapie der Impulskontrollstörungen ist manchmal schwierig. Es sollte aber der Dopaminagonist reduziert, und wenn notwendig, abgesetzt werden. Diese Nebenwirkungen  müssen dem behandelnden Arzt sofort mitgeteilt werden.

Jüngere Patienten scheuen sich oft, auf eine Behandlung mit  Madopar umzusteigen, weil sie medikamentenbedingte Dyskinesien (= Überbewegungen) fürchten. Dadurch kommt es häufig zu einer Unterdosierung und damit einhergehend zu einer Verschlechterung der Lebensqualität.

Ab wann ist überhaupt mit dem Auftreten von Überbewegungen zu rechnen?

Bei jungen Patienten schon sehr früh. Ältere Patienten, Diagnose ab dem 70. Lebensjahr, kaum.

Wie behandelt man Dyskinesien?  

Es stehen einige Medikamente zur Verfügung wie z.B. Amantadin, zusätzlich gibt es 2 unterschiedliche Pumpensysteme, die Duodopa-Pumpe und die Apomorhin-Pumpe sowie die tiefe Hirnstimulation, einen operativen Eingriff im Gehirn.

Jüngere Patienten erhalten in der Regel Dopaminagonisten (Agonist= Gegenspieler) als Ersttherapie.

Das Medikament STALEVO wurde als das „neue Madopar“ geplant und sollte den Beginn der Dyskinesien hinauszögern. Eine über 2 Jahre laufende Studie zeigte jedoch, dass sich keine verzögernde Wirkung nachweisen lässt. Auf der anderen Seite ist es gut bei Patienten mit Wirkungsschwankungen geeignet, weil Stalevo eine längere Halbwertzeit und damit längere Wirkdauer aufweist, verglichen mit Madopar.

Eine Studie über die subjektive Einschätzung der behindernden, oder der unangenehmsten Symptome zeigt große Unterschiede, abhängig vom Krankheitsstadium.

Unangenehme Symptome im frühen Krankheitsstadium sind:

  • Bradykinese
  • Tremor
  • Rigor
  • Schmerzen

 Während im fortgeschrittenen Krankheitsstadium zahlreiche nicht-motorische Symptome als belastend empfunden werden:

  • Wirkungsschwankungen =  ON-OFF –Problematik
  • Stimmungsschwankungen – Depression
  • Speichelfluss
  • Schlafstörungen 

 

Patientenfragen:

Ein Patient merkt an, dass Parkinson-Medikamente bei MSA (=Multisystemathropie) weniger gut wirken.

Die MSA ist ein sogenanntes atypisches Parkinson-Syndrom. Die Usache, die Symptome, das Ansprechen auf die Parkinson-Medikamente und der Krankheitsverlauf unterscheiden MSA von Morbus Parkinson.

Wann erreicht man die beste Aufnahme von Madopar im Körper:

Wenn der Magen leer ist, erfolgt der Transport in den Dünndarm rascher. Es empfiehlt sich also 1 Stunde vor oder nach dem Essen das Medikament zu nehmen. Das Medikament Motilium kann gleichfalls eine raschere Magen-Darm Passage unterstützen.

Wie ist die Wirkung von komplementären Behandlungsmethoden zu bewerten:

Alle gängigen Therapien, z. B.  Logo-, Ergo-, Physio- Therapie sind sehr hilfreich, vorausgesetzt, dass  man sie nach dem Erlernen auch wirklich regelmäßig anwendet.

Freezing:

Sich Kommandos geben, Musik als Starter (z.B. Marschmusik) verwenden, aber auch tanzen kann als hilfreich eingestuft werden.

Vermehrter Speichelfluss:

Entsteht nicht durch eine Mehrproduktion von Speichel, sondern der vorhandene Speichel wird nicht gänzlich geschluckt. Ein Problem, das manchmal durch eine bessere medikamentöse Einstellung behoben werden kann.

Schmerzen:

Treten sehr häufig (80%) in Zusammenhang mit M. Parkinson auf. Es kann sich sowohl um Muskel- als auch um Gelenkschmerzen handeln. Auch die  künstlich verzögerte Umstellung auf Madopar (aus Angst vor Dyskinesien) kann eine Ursache sein.

Wie lassen sich Schmerzen eindämmen?

Diese Frage kann nicht allgemein beantwortet werden und setzt eine genau persönliche Untersuchung voraus. Es kann z.B. sinnvoll sein, die Dosierung der Parkinson-Medikamente zu verändern.

Verstopfung:

Es ist möglich, dass Parkinson-Medikamente eine Verstopfung verstärken. Es ist zu beachten, dass normale Abführmittel nicht als Dauermedikation geeignet sind. Der Darm „verlernt“ dadurch selbst aktiv zu werden. Als Langzeittherapie sollte ein Medikament mit dem Wirkstoff Macrogol eingesetzt werden. Man muss sich jedoch unter Umständen auch damit auseinandersetzen zu akzeptieren, dass sich die Häufigkeit der Darmentleerung verändert und kein unbedingt tägliches MUSS mehr darstellt.

Schlafstörungen:

Schlafstörungen sind sehr unterschiedlich und können die verschiedensten Ursachen haben. Zum Beispiel das Problem der vollen Blase, oder eine nächtliche Verschlechterung der Parkinson-Symptome mit Schmerzen und Steifigkeit. Hier kann die Gabe von Retard – Präparaten hilfreich sein. Es können jedoch auch Rem-Schlafstörungen sein. Auch Albträume können auftreten und sind oft durch Medikamente verursacht.  Sprechen im Schlaf kann z.B. auch medikamentös bedingt sein. Die Frage ist also nicht allgemein zu beantworten und muss im Einzelfall genau abgeklärt werden.

Narkose:

Es stehen neue Narkosemittel zur Verfügung, die kein Problem für Parkinson-Patienten darstellen. Man muss jedoch bedenken, dass eine langdauernde Operation auch eine längere Zeit nach sich ziehen kann, ehe der Patient wieder mobil ist.

Wie findet man einen Neurologen der auf Parkinson spezialisiert ist?

Eine gute Möglichkeit ist, sich an die – Selbsthilfe zu wenden. Dort liegen Listen von Ärzten und Ambulanzen auf. Generell ist zu sagen, dass die Versorgung in Wien sehr gut ist, jedoch nicht immer auch in den Bundesländern.

Bewegung:

Alle Ausdauersportarten sind zu empfehlen. Schwimmen, Radfahren (im späteren Verlauf ev. Umstieg auf den Hometrainer), Laufen, Nordic-Walking, Training mit dem Smoovey. Empfehlenswert ist es, sich über die diesbezüglichen Angebote der SH zu informieren, die meist auch kostengünstiger sind.

Arbeitsunfähigkeit:

Auch hier ist keine allgemeine Aussage möglich, wie lange ein Patient erwerbsfähig bleiben kann. Oft jedoch ist das sehr lange möglich. Bei Stressbelastung im Beruf ist es hilfreich Stress-Bewältigungsstrategien und Entspannungsübungen zu erlernen. Bei der Wiener Arbeiterkammer bekommt man kompetente Auskunft über alle Möglichkeiten, sich den Arbeitsplatz so lange wie möglich zu erhalten.

Psychotherapeutische Maßnahmen:

Sind eine sinnvolle Hilfsmöglichkeit sowohl für Patienten als auch für Angehörige  (Sitzungen allein oder gemeinsam).

 

Zum Abschluss eine Bitte der Patienten und Angehörigen an die Ärzte:

Weisen Sie die Betroffenen und Angehörigen auf die Selbsthilfe hin!

 

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