Parkinson und Zahngesundheit

Ein wichtiges Thema, dass mir in 13 Jahren ehrenamtlicher Beschäftigung mit Morbus Parkinson weder als Vortrag noch als Text eines Arztes jemals untergekommen ist. Meine Recherche stützt sich daher auf Texte die bei unseren Nachbarorganisationen, der Deutschen Parkinson Vereinigung und bei Parkinson Schweiz, erschienen sind.

Die Themenschwerpunkte umfassen:

  • Zahngesundheit allgemein
  • Wie entsteht Karies?
  • Wie entsteht Paradontitis?
  • Parkinson-spezifische Probleme
  • Worauf man als Betroffene-r beim Zahnarztbesuch achten sollte?
  • Richtige Zahnpflege ist wichtig, auch bei den „Dritten“
  • Hilfsmittel, die den Betroffenen die Mundhygiene erleichtern können
  • bis hin zum „richtigen“ Zahnersatz für Parkinson-PatientInnen
  • Angst/ Panik vor dem Zahnarztbesuch?

Zahngesundheit allgemein:

Viele Parkinson-Betroffene haben Verdauungsprobleme und bedenken nicht, dass die Verdauung bereits im Mund beginnt. Das Zerreißen und Zermahlen von Speisen mit Hilfe der Zähne steht aber – sozusagen als Grundbedingung – tatsächlich am Beginn des Verdauungsgeschehens und ein altes Sprichwort sagt nicht umsonst: „Gut gekaut ist halb verdaut“. Das allein würde schon reichen, um seinen Zähnen ausreichende Beachtung zu schenken, aber da ist noch etwas Wichtiges das man wissen sollte. Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass die Mundgesundheit in enger Wechselwirkung mit der Gesundheit des gesamten Körpers steht.  Entzündliche Erkrankungen in der Mundhöhle, wie  eine Paradontitis können das Risiko für bestimmte Allgemeinerkrankungen erhöhen. Dabei können Bakterien, Bakteriengifte oder Botenstoffe aus der Mundhöhle in – vom eigentlichen Entzündungsursprung weit entlegene Regionen des Körpers vordringen – und dort Reaktionen hervorrufen, die entweder weitere Erkrankungen hervorrufen oder vorhandene Erkrankungen verstärken. Das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko kann erhöht sein, fast jeder schlecht eingestellte Diabetiker kämpft mit Zahnhalteproblemen, aber auch akute wie chronische Atemwegerkrankungen scheinen nicht selten von Bakterien in der Mundhöhle auszugehen. Das Risiko an Paradontitis zu erkranken und das Risiko Zähne zu verlieren ist übrigens bei Rauchern gegenüber Nichtrauchern deutlich erhöht. Neben der Paradontitis ist Kariens der zweite wichtige Risikofaktor der die Zahngesundheit gravierend beeinträchtigt.

Wie entsteht Karies?

Karies entsteht durch das Zusammenwirken von speziellen Bakterien in der Mundhöhle und meist zuckerhaltigen Lebensmitteln.  Die Bakterien wandeln den Zucker aus der Nahrung  in Milchsäure um. Ist so eine dicke, klebrige Paste auf den Zähnen entstanden, die sogenannte Plaque, reicht der Speichel nicht mehr aus, um diesen Zahnbelag zu neutralisieren und zu entfernen. Dem Zahnschmelz werden durch die Plaque Minerale entzogen und er löst sich langsam auf. Bei älteren Personen entsteht Karies bevorzugt an Stellen, wo sich das Zahnfleisch bereits zurückgezogen hat und die für die Zahnbürste nur schwer zugänglich sind. Auch der altersbedingt geringere Speichelfluss begünstigt ab 55 Jahren Sonderformen der Krankheit, wie Wurzel- und Sekundärkaries. Auch bereits mit Füllungen, Kronen und Brücken versorgte Zähne können von Sekundärkaries befallen werden!

Wie entsteht Paradontitis?

Paradontitis nennt man die Zahnbettentzündung, die meist nicht weh tut und kaum sichtbar ist. Als Betroffene-r merkt man eine Zahnbettentzündung meist erst dann, wenn man beim Zähneputzen Blut ausspuckt. Bakterien, bakterielle Enzyme, Toxine und Antigene die bei Karies den Zahnschmelz angreifen, greifen bei Paradontitis das Zahnbett an. Zwischen dem Zahn und dem Zahnfleisch entstehen sogenannte Zahnfleischtaschen, die zwischen 4 und 12mm tief sein können. Innerhalb dieser Taschen können die Bakterien weiter vordringen und das Bindegewebe und in weiterer Folge auch den Kieferknochen zerstören was zu Zahnausfall führt. Diese Taschen bilden eine von außen nicht sichtbare Wunde und durch diese „offene Türe“ gelangen dann die Bakterien in den Blutstrom und somit, wie bereits vorher erwähnt, an praktische jede Stelle im Körper wo sie entweder Entzündungen auslösen, oder schwere Allgemeinerkrankungen begünstigen können.

Parkinson-spezifische Probleme:

Klagen von Parkinson-PatientInnen über Zahn- und Zahnfleischprobleme sind nicht selten.

Dazu Prof. Dr. Hans Peter Ludin, FA für Neurologie und Psychiatrie (Bern, CH): „Es gibt keine größeren wissenschaftlichen Studien, die die Frage klären würden, ob es einen Zusammenhang zwischen Zahnproblemen und Parkinson gibt. Es zeigt sich jedoch, dass Zahn- und Zahnfleischprobleme bei Betroffenen gehäuft auftreten. Als Auslöser wird in erster Linie eine reduzierte Mundhygiene aufgrund der feinmotorischen Störungen und Probleme beim Schluckakt angenommen. Auch eine veränderte Zusammensetzung des Speichels wird diskutiert. Ob Parkinson-Medikamente an der Veränderung des Speichels schuld sind, kann jedoch nicht mit Sicherheit gesagt werden.“

Worauf man als Betroffene-r beim Zahnarztbesuch achten sollte?

Wie bei jedem Arztbesuch sollten Sie auch Ihren Zahnarzt unbedingt von Ihrer Parkinson-Krankheit informieren. Zahnbehandlungen sollten immer gezielt in die ON-Phase, also Zeiten guter Beweglichkeit verlegt werden. Vermehrter oder verminderter Speichelfluss sowie Schluckstörungen sind gleichfalls zu erwähnen. Mit einer nicht zu flachen Lagerung und vermehrtem Absaugen von Speichel und Kühlflüssigkeit kann der Arzt diesen Problemen begegnen. Röntgenaufnahmen sollten möglichst schon in der Frühphase der Krankheit gemacht werden, wenn Tremor oder überschießende Bewegungen zum Krankheitsbild dazu kommen sollten, sind solche Untersuchungen weitaus schwieriger durchzuführen.

Sollte im Zug einer Behandlung einmal eine örtliche Betäubung nötig sein, so empfiehlt Dr. Ferenc Fornardi , FA für Neurologie und Psychiatrie (Gertrudisklinik, Biskirchen, BRD)  unter der Therapie mit L-Dopa-haltigen Mitteln nur Lokalanästhetika ohne Adrenalin-Zusatz zu verwenden.

Den meist ungeliebten Gang zum Zahnarzt sollte man jedenfalls nicht so lange aufschieben bis man Beschwerden hat, sondern 1-2 Mal jährlich vornehmen um größere Schäden möglichst zu vermeiden.

Richtige Zahnpflege ist wichtig, auch bei den „Dritten“

Zur optimalen Zahnpflege gehört täglich 2-3 maliges Zähne putzen mit einer fluoridhaltigen Zahnpaste. Der richtige Zeitpunkt ist morgens nach dem Frühstück, ideal wäre auch das Putzen nach dem Mittagessen und – wieder unverzichtbar – das Putzen vor dem Zubettgehen. Die optimale Putzdauer sollte dabei jeweils 2 Minuten betragen. Eine nicht zu harte Bürste und ein nicht zu stark ausgeübter Druck auf die Zähne sind dabei gleichfalls zu beachten.

Die professionelle Zahnreinigung beim Zahnarzt, die für die PatientInnen kostenpflichtig ist, sichert ein Reinigungsergebnis, das selbst bei der besten Putzleistung daheim nicht zu erreichen ist.

Auch die „Dritten“ wollen entsprechend gut gepflegt sein!

Herausnehmbarer oder festsitzender Zahnersatz ist genau so zu behandeln wie eigene Zähne. Also genau so oft und lang zu putzen und auch den Zahnzwischenräumen die gleiche Aufmerksamkeit widmen. Herausnehmbarer Zahnersatz sollte nicht nur nach jeder Mahlzeit unter fließendem Wasser abgespült werden, er sollte 1 Mal pro Tag auch mit der Zahnbürste und Zahnpasta gepflegt werden. Zahnärzten erscheint diese Art der Reinigung der herausnehmbaren „Dritten“ allerdings nicht als ausreichend. Sie empfehlen deshalb zusätzlich Prothesen-Reinigungstabletten zu verwenden, da erst diese eine Tiefenreinigung des Gebisses auch an schwer zugänglichen Stellen gewährleisten. 

Ein praktischer Tipp: Wenn man vor dem Putzen ein Tuch in die Waschmuschel legt, verhindert man, dass der Zahnersatz, wenn er einem beim Putzen  aus der Hand gleiten sollte, Schaden erleidet. Auch Wasser das man in die Waschmuschel einlaufen und stehen lässt, hat einen ähnlich schützenden Effekt.

Hilfsmittel, die den Betroffenen die Mundhygiene erleichtern können:

Die Zahnzwischenräume reinigt man mit Zahnseide, oder wo das aus motorischen Gründen nicht möglich ist, mit eigenen „Interdentalbürsten“ (= Zahnzwischenraumbürsten), die in unterschiedlichen Stärken- entsprechend den unterschiedlichen Zahnzwischenräumen –  angeboten werden. Diese Bürsten sind sehr kurz, vergleichbar einem Zahnstocher, können jedoch mit einem Aufsatz verlängert werden und erleichtern so in manchen Fällen die Handhabung. Wenn auch diese Möglichkeit nicht in Frage kommen sollte, so empfiehlt es sich eine Munddusche für die Zahnzwischenräume zu verwenden.

Normale, handelsübliche  Zahnbürsten können mit Verdickungsteilen aufgerüstet werden (ähnlich wie beim Besteck), die das ermüdungsfreie Halten erleichtern. Es gibt auch 3-Kopfbürsten, wo ein kurzer Bürstenkopf „rundum“ mit Borstenteilen versehen ist, was die Handhabung durch den Wegfall der Drehbewegung erleichtert und alle Stellen im Mund leichter erreichbar macht.

Bei eingeschränkter Beweglichkeit kann auch der Ankauf einer elektrischen Zahnbürste sinnvoll sein.  Es lohnt sich in diesem Fall etwas tiefer in die Geldbörse zu greifen und ein Modell zu wählen, das man als Schall- oder Sonic-Zahnbürste bezeichnet und die mit sehr hohen Geschwindigkeiten arbeitet. Das Gerät sollte eine Andruckregulierung haben (= ein Bürstenkopf der nachgibt, wenn zu starker Druck ausgeübt wird).  Zu starker Druck fördert Zahnfleischverletzungen. Ideal sind Geräte, die über eine optische Kontrollleuchte verfügen, die nach 2 Minuten – der optimalen Putzdauer – blinkt.

Wer sich bei der Putzdauer nur auf sein Gefühl verlässt, putzt fast immer nicht lang genug!

Der „richtige“ Zahnersatz für Parkinson – PatientInnen:

Den individuell richtigen Zahnersatz  für Betroffene zu finden ist nicht immer einfach, aber es ist wichtig zu wissen, dass es meist mehr als nur eine Lösungsmöglichkeit für ein Problem gibt, die dem Zahnarzt zur Verfügung steht. Fragen Sie gezielt nach, ob eine andere Methode auch in Frage kommt und legen Sie großen Wert auf eine ausführliche Beratung.

Ein ausführliches Gespräch, im Zweifelsfall auch eine „2. Meinung“ einzuholen ist auf jeden Fall sinnvoll, immerhin ist ein Zahnersatz leider keine billige Angelegenheit und auch dieser Aspekt ist zu bedenken.

Die für PatientInnen einfachste Handhabung stellt mit Sicherheit ein festsitzender Zahnersatz dar, weil er dem eigenen Gebiss am nächsten kommt und man sich beim Zähneputzen nicht umstellen muss.

Wichtig ist natürlich auch, ob nur Einzelzähne zu ergänzen sind, oder ob es nur noch wenig eigene Zähne gibt, die einer Prothese Halt bieten können. Implantate sind inzwischen eine gut ausgereifte Technologie, die zum Einsatz kommen kann.

Welche Form des Zahnersatzes gewählt wird, ist letztlich also dem Vorschlag des  Zahnarztes zu überlassen. Die wichtigste Überlegung muss jedoch letztlich sein, dass ein herausnehmbarer Zahnersatz so konstruiert sein muss, dass der/ die Betroffene (oder eine Pflegeperson) auch gut damit zurechtkommt.

Nach einer immer nötigen Eingewöhnungszeit soll Ihnen der neue Zahnersatz jedoch schon bald ein Plus an Lebensqualität bringen, weil er Auswirkungen auf viele Lebensbereiche hat. Der wichtigste, die Zahngesundheit, die Entzündungsherde im Körper vermeidet, eine bessere Aussprache, ein „strahlendes Lächeln“ und eine große Hilfe bei der Nahrungsauf-nahme und Verdauung.

Mit kaum einer anderen Maßnahme lassen sich so viele unterschiedliche und durchwegs positive, stets lebensbereichernde Effekte erzielen!

Angst/Panik vor dem Zahnarztbesuch?

Es gibt Menschen, die ohne Probleme zum Zahnarzt gehen, das ist eher eine Minderheit. Ein „mulmiges Gefühl“ haben da schon viel mehr.  Es gibt aber auch eine große Anzahl von Menschen, bei denen die Angst, oder Panik vor diesem Besuch dazu führt, dass sie schon jahrelang, bei Panik-Patienten auch jahrzehntelang nicht mehr beim Zahnarzt waren. In Österreich, so hat man inzwischen erhoben, handelt es sich um zig-tausende Personen.

Sie sind also wirklich nicht allein mit Ihrem Problem!

Hat man dieses Ängste früher nicht ernst genommen und Betroffene mit dem  lapidaren Satz: „Sie sind ein erwachsener Mensch, nehmen Sie sich doch zusammen“ erst recht verschreckt und oft gleich wieder zum Umkehren, verbunden mit dem Gefühl des wieder einmal gescheitert  zu sein, gebracht, so ist inzwischen ein großes Umdenken bei  den Zahnärzten erfolgt. Man weiß jetzt, dass ein Angst, oder Panik- Betroffener alles kann, außer sich „zusammenzunehmen“. 

Wenn das also Ihr Problem sein sollte, dann sprechen Sie es bitte gleich bei der Anmeldung beim Zahnarzt an. Man wird Sie heute mit Ihrem Problem ernst nehmen und versuchen, Ihnen diese Ängste so gut wie möglich zu nehmen.

Ich habe Angst vor: dem Geräusch des Bohrers, den Schmerzen. Ich vertrage den Geruch beim Zahnarzt schon nicht, oder worum immer es sich in Ihrem persönlichen Fall handelt, sprechen Sie bitte so genau wie möglich an, was Ihre Angst auslöst.

Es gibt heute viele Möglichkeiten, diesen Ängsten zu begegnen. Der früher dominierende „Nelkenölduft“ der in dicken Schwaden in den Zahnarztpraxen vorherrschte ist heute weitgehend verschwunden. Die Bohrgeräusche sind dank moderner Technik, viel geringer geworden und können bei Bedarf mit Kopfhörern, durch Entspannungsmusik, oder ihre Lieblingsmusik übertönt werden. Man versucht wirklich ernsthaft, auf jedes mögliche Problem mit einer gezielten Gegenstrategie einzugehen und es gibt tatsächlich viele, ganz unterschiedliche „Umgehungsmöglichkeiten“ der Angstauslöser.

Bei Bedarf lassen Sie sich bei der Zahnärztekammer informieren, wo es, möglichst in Ihrer Wohnortnähe, (auf langen Anfahrtswegen baut man sonst schon wieder unnötige Ängste auf) auf diese Probleme spezialisierte Zahnärzte gibt.

Nehmen Sie ruhig ein Beruhigungsmittel ein, sagen Sie dem Arzt aber was und wieviel davon Sie genommen haben. In Ihrem Fall ist die Hauptsache, dass Sie es überhaupt bis in die Praxis schaffen!

Nur eines sollten Sie Ihrer Gesundheit zu liebe nicht tun: den Zahnarztbesuch noch länger vor sich herschieben und bewusst das Risiko eingehen, ernsthafte gesundheitliche Probleme an irgendeinem Teil  Ihres Körpers zu bekommen! Durch Ihre Parkinson-Erkrankung haben Sie schon genug zu tragen, finden Sie nicht auch?

Renate Lemanski

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