Nachlese WPD 2019: Die Zukunft hat schon begonnen

Immer mehr Menschen erkranken an Morbus Parkinson. Innerhalb einer Generation hat sich die Zahl der Parkinson-Patienten mehr als verdoppelt: von 2,5 Millionen im Jahr 1990 stieg die Zahl auf 6,1 Millionen im Jahr 2016 (The Lancet Neurology, Ray Dorsey, University of Rochester, New York). Männer sind 1,4 mal häufiger betroffen als Frauen. In Deutschland sind verschiedenen Schätzungen zufolge zwischen 200.000 und 400.000 Menschen erkrankt. In Österreich haben wir keine genaue Analyse und schätzen daher immer als 1/10 von Deutschland. Da landen wir also wieder bei den kolportierten 20.000 plus, Tendenz steigend, Erkrankungsbeginn früher.

Liest man wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Artikel in einschlägigen Zeitungen sind die Titel meist in der Art von „Neue Hoffnung für Parkinson-Patienten“ und „Immuntherapie bei Parkinson vor dem Durchbruch“.

Sieht man die journalistische Gier nach Neuem realistisch, so ist im Wesentlichen von drei etwas unterschiedlichen Möglichkeiten die Rede, die vielleicht am gestörten alpha-Synuklein Molekül angreifen können. Die Euphorie weicht aber beim Weiterlesen der Realität: Erste Ergebnisse Mitte der Zwanzigerjahre und die Rede ist von Therapien, die die Erkrankung nicht ausbrechen lassen. Vielleicht. Interessiert die bereits Betroffenen wenig und die zukünftig Betroffenen haben noch keine Ahnung von einem zukünftigen Nutzen.

Was aber machen die 6,1 Millionen Menschen, die schon betroffen sind?

Vorerst einmal weiter wie bisher. Denn neue Ansätze jenseits von DOPA-Ersatztherapie, Dopamin-Agonisten und Zusatzmedikamente wie COMT- und MAO-B – Hemmer sind nicht in Sicht, nicht in der Pipeline und in den nächsten Jahren ist nicht damit zu rechnen, dass sich das ändern wird.

Viele Forscher und Experten gehen momentan davon aus, dass die nächste große sozio-ökonomische Revolution eine komplette Neudefinition von Gesundheit, Krankheit und Therapie beinhalten wird. Professor Harald Schmidt, Leiter der Abteilung für Pharmakologie und personalisierte Medizin, Universität Maastricht: „Unser heutiges Gesundheitssystem ist in der bestehenden Art nicht mehr lange aufrecht zu erhalten. Es ist zu teuer und zu uneffektiv geworden“.

Ein fundamentales Problem ist, dass unsere Definition von Krankheit auf Organlokalisation oder einzelnen Symptomen beruht. Die gesamte Medizin, wie wir sie lehren, wie wir Fachärzte ausbilden, wie unsere Kliniken strukturiert sind, ist nach Organen aufgeteilt. Für jedes Organ gibt es einen Facharzt und eine Klinik. Aber so funktionieren Erkrankungen nicht, vielmehr erleben wir Störungen in den Signalsystemen in unseren Zellen – genauer in bestimmten Hotspots, die gestört sind und Symptome verursachen. Diese Signalstörungen kommen in den allermeisten Fällen in mehr als nur einem Organ vor und erzeugen verschiedene Symptome. Dank der organbasierten Aufteilung sehen wir das jedoch nicht. Und so gibt es kaum systemische oder ganzheitliche Ansätze in der Medizin.

Zum Ende der Medizin, wie wir sie kennen, trägt auch die Pharmabranche bei, die in ihrer jetzigen Form todgeweiht ist. In der Liste der zehn weltweit größten Firmen findet sich heute keine Pharmafirma mehr. Das entbehrt nicht einer gewissen Logik, denn warum sollen wir auf ewige Zeiten immer neue Arzneimittel finden müssen? Ein Grund, warum wir nach über 100 Jahren pharmazeutischer Industrie noch immer nach neuen Arzneimitteln forschen, sind unpräzise Krankheitsdefinitionen und das chronische Behandeln von Symptomen, nicht aber das Heilen. Denn bisher kennen wir bei den wenigsten Erkrankungen ihre molekularen Ursachen und können diese folgerichtig auch nicht behandeln. Dort aber, in der molekularen Pathologie, liegen die Zukunft und auch die Heilungschancen.

Das Zeitalter der Pharmazie geht dem Ende entgegen.

Trotz notwendiger Veränderungen wird auch in Zukunft der Behandlungskreislauf initial natürlich der gleiche bleiben. Betroffene werden in der Regel mit organbasierten Symptomen ärztlichen Rat suchen, nur wird die Diagnostik stark durch Künstliche Intelligenz (KI) unterstützt werden. Die KI schlägt möglicherweise weitere Messparameter, radiologische Bilder oder genetische Untersuchungen vor und ermittelt so eine molekulare Krankheitsdiagnose. Dann wird es wie heute auch schon die Aufgabe des Arztteams sein, den Patienten dabei zu unterstützen, die optimale Therapie auszuwählen.

Vor allem für chronische Erkrankungen stehen große Veränderungen ins Haus.

Andererseits bringen die technologischen Fortschritte der letzten Zeit Möglichkeiten für ganz andere Zugänge zu Diagnostik und Therapie. Ob Fragen auf wie „Hey Siri, habe ich Parkinson?“ jemals eine echte Alternative für uns sein wird, um diese oder andere komplexe neurologische Erkrankungen zu diagnostizieren, werden wir ja sehen.

Heute lautet die Antwort von Siri: „Danke der Nachfrage, aber ich bin kein Arzt (noch nicht, ich bin noch in der Schule). Sie sollten einen Termin bei einem Spezialisten für Bewegungsstörungen vereinbaren“.

Neue Wege müssen beschritten werden, ‚smarte’ Geräte sind in jedem Haushalt zu finden, vom Induktionsherd bis zur Espresso-Maschine und ebenso sind auch digitale Technologien zur Beurteilung von Bewegungsstörungen schon vorhanden und anwendbar. Durch die Miniaturisierung der Sensoren, die Kraft der künstlichen Intelligenz und das maschinelle Lernen stehen uns ungeahnte Möglichkeiten offen.

Unser Smartphone ist immer dabei und es handelt sich bei diesen in nur 10 Jahren unentbehrlich gewordenen Geräten um recht potente Minicomputer, die deutlich mehr können, als fernsprechen und Textmeldungen versenden/empfangen.

Mobiltelefone werden nicht nur Bewegungsstörungen diagnostizieren, sie werden es höchstwahrscheinlich viel früher tun, als ein Arzt es heute tun kann. Wir wissen, dass bei Parkinson noch lange vor dem eigentlichen „Beginn“, also den offensichtlichen Bewegungsstörungen subtile motorische Veränderungen vorliegen. Es ist gut vorstellbar, dass diese mit hochwertigen Bewegungssensoren und spezifischen Algorithmen entdeckbar sind.

Man kann ein genaues Bild der Schwankungen an einem Tag und über längere Zeiträume erhalten. Die Datenerfassung erfolgt dabei nicht im stressigen und unnatürlichen Umfeld der Klinik, sondern in der natürlichen Umgebung der Betroffenen in Alltagssituationen.

i-PROGNOSIS ist so ein Ansatz. Mediziner und Techniker der Griechischen Universität Tessaloniki haben eine App entwickelt, mit der man die Omnipräsenz von Smartphones selbst unter Senioren für Studien und Frühdiagosen nutzen kann. Beschleunigungs-Sensoren im Smartphone, messen das Zittern der Hand. Eine spezielle virtuelle Tastatur misst, wie tief und flüssig der Nutzer tippt, wenn er Nachrichten schreibt. Diese Botschaften analysiert das Programm zudem auf bestimmte Schlüsselwörter, die auf depressive Anwandlungen hinweisen. Die App liest die SMS-Nachrichten nicht wirklich mit, sondern zählt nur die „depressiven“ Wörter. Die Daten werden dann verschlüsselt und anonymisiert an sehr potente Rechner übertragen. Die App wertet Selbstporträts aus und untersucht per Bildanalyse, ob die Mimik des Nutzers verarmt. Leider machen Senioren noch nicht allzu viele Selfies.

Innerhalb des Projekts „PD_Pal“ der Phillips-Universität Marburg sollen für die Behandlung der Parkinson-Krankheit neue Behandlungsstandards gesetzt werden. Die Bewegungen und kognitiven Funktionen der Patientinnen und Patienten können auch zu Hause erfasst werden – mittels des „PD_Managers“, einem kleinen Mini-Computer, ähnlich einem Fitnessarmband oder einer Smartwatch, den die Patientinnen und Patienten am Körper tragen und der wichtige Körperfunktionen überwacht. Die so erfassten Daten werden dann telemedizinisch mit den behandelnden Ärztinnen und Ärzten ausgewertet.

Bereits verfügbar und erschwinglich sind am Körper getragene Sensoren. Lumo–Lift erkennt Haltungsstörungen und korrigiert diese durch Abgabe eines kleinen Vibrationsreizes. Dadurch wird man auf die gestörte Haltung unauffällig aufmerksam gemacht. Es ist derselbe Effekt wie das partnerschaftliche „Halt’ Dich grad“, nervt aber weniger.

Mit verschiedenen Apps kann auch das Ausmaß des Zitterns gemessen werden. Sowohl die Amplitude, das ist die Höhe des Ausschlags, als auch die Frequenz, die Schnelligkeit des Zitterns. In der Praxis verwenden wir dafür nun den in Österreich entwickelten Tremipen.

Derzeit arbeiten zwei Gruppen in Österreich an der Entwicklung einer smarten Schuheinlage. Verschiedene Sensoren in der Sohle messen mit verschiedenen Sensoren die Geschwindigkeit, die Schrittlänge, die Schritthöhe und die Abfolge der Schritte (Kadenz) und erstellen eine Ganganalyse. Ein Effektor macht die Träger beispielsweise aufmerksam, dass jetzt die Sturzgefahr erhöht ist.

Oder im Falle eines Freezings werden sensorische oder akustische Reize gesetzt um die Fortbewegung wieder in Gang zu bringen.

Hier befinden wir uns heute. Noch. Aber die Zukunft hat schon begonnen.

 

Welche drei brennendsten Fragen haben Parkinson-Betroffene?

  • Kann meine Krankheit gestoppt werden?

Derzeit und in naher Zukunft überhaupt nicht. Bereits Betroffene werden diese Möglichkeiten nicht mehr bekommen.

  • Können meine Symptome behandelt werden?

Ja, wir haben eine Reihe gut wirksamer Medikamente, Operationen und zusätzliche Maßnahmen wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, psychologische Betreuung usw, „Die dritte Säule der Therapie“.

  • Was mache ich bei Beschwerden, die unter Therapie nicht besser werden?

Das ist das große Problem. Wir sind alle von unserer Lebensgeschichte und Ausbildung pharmakologisch geprägt. Gegen alles gibt es ein Pulverl und alles wird gut. Die Erfahrung lehrt uns aber, dass es genug Symptome gibt, gegen die nichts wirkt.

Dazu gehören – und die Liste ist weit entfernt von vollständig:

  • Starthemmung und plötzliches Stehenbleiben (Freezing)
  • Gangstörungen mit beschleunigten kleinen Schritten (Festinationen)
  • Haltungsstörungen mit Beugung nach vorne oder seitlich (Kamptokormie, Pisa-Syndrom, head drop)
  • Stürze, vor allem die rückwärts

Für diese Beschwerden entwickeln wir mit den neuen Techniken Lösungsansätze.

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