Bei allem, was ich mache – „Parki“ ist immer dabei (Studie Sportklettern)

Climb Up Head Up, Sportklettern mit Morbus Parkinson

An der Medizinischen Universität Wien wurde im Sommer 2018 die Studie CLIMB UP, HEAD UP! gestartet.

Dabei werden die positiven Effekte von Sportklettern auf die künftige Lebensqualität im Vergleich zu dem bisherigen Lebensstil bei Morbus-Parkinson-PatientInnen untersucht.

Mehr als 70 Parkinson-Patient*innen haben sich bisher aktiv für die Studie interessiert.

Zwei Teilnehmerinnen, Frau Ingrid Drechsler (ID) und Frau Tuula Sonnleitner (TS), die die Studie erfolgreich beendet haben, sowie zwei der mitwirkenden Klettertrainer*innen, Frau Mira Kühnert und Herr Markus Pisecker (MP) wurden zum Interview gebeten.

 

Seit wann leben Sie mit der Diagnose Morbus Parkinson, und was waren die ersten Anzeichen der Erkrankung?

ID: Die Diagnose Parkinson wurde 2008 gestellt. Als erste Anzeichen habe ich Zittern in der linken Hand festgestellt

TS: Vor ca. 7 Jahre, mit Zittern und Unbeweglichkeit der linken Hand.

Wie hat die Erkrankung ihr Leben verändert?

ID: Zuerst war ich schockiert. Ich dachte, jetzt werde ich ein Pflegefall. Naja, irgendwann wird es vielleicht dazu kommen, waren dann meine Gedanken. Aber noch kann ich was tun, hoffe ich zumindest. Ich suchte alles, was ich zum Thema Parkinson fand. Bücher, Informationen im Netz, Kontakt zu Betroffenen. Ging in Altersteilzeit und war froh, als ich in Pension gehen konnte. Bei allem, was ich mache – „Parki „ist immer dabei. Täglich ist mir bewusst, wie wertvoll die Zeit mit mir selbst, mit meinem Mann, mit der Familie ist. Dementsprechend mache ich das, was ich gern mache, wobei ich mich wohlfühle. Ich habe auch wieder zu malen begonnen und brauche zudem als Ausgleich viel Bewegung. Vor allem unterschiedliche Bewegung, denn dadurch überlaste ich weder meine Gelenke noch die Muskulatur, habe ich festgestellt. 

TS: Mehr Bewegung, verschiedene Übungen. Ich kümmere mich etwas mehr um mich selbst.

Sie haben sich dazu entschlossen, an der Studie Climb Up Head Up teilzunehmen. Sind sie schon einmal davor geklettert?

ID: Wandern, auch Steige in felsigem Gelände waren früher kein Problem für mich. Geklettert bin ich aber vor diesem Kurs noch nie. Seit ich mit „Parki“ unterwegs bin, bin ich ängstlicher, unsicherer geworden. Auf rutschigem Untergrund, bei Schnee und Eis oder abschüssigem Gelände reagierte ich fast panisch.

TS: Nein

Was war Ihre Motivation an der Studie teilzunehmen, und was haben Sie erwartet?

ID: Genau diese Unsicherheit in der Bewegung war eine meiner Gründe, an der Studie teilzunehmen. Ein zweiter Grund ist sicherlich mein Ehrgeiz und die Überzeugung, dass, wenn andere das schaffen, dann kann ich das auch erreichen.

TS: Ich wollte etwas Neues probieren. Einen positiven Effekt auf meinen Krankheitsverlauf.

Und wie war es dann, als Sie das erste Mal einen Klettergurt anzogen und die Wand hochklettern?

ID: Stressig! Jetzt bin ich 66 Jahre und womöglich blamier ich mich, schließlich schauen doch die anderen zu!!

TS: Neugierig, ob ich die Wand schaffen werde.

Hat sich durch das Klettern etwas für Sie verändert?

ID: Auf alle Fälle! Kraft in den Armen, den Fingern, den Beinen. Rumpfstabilität durch die verbesserte Rückenmuskulatur und nicht zu unterschätzen die mentale Komponente. Etwas, vor dem man ziemlichen Respekt hatte, durch Ausdauer und Training zu meistern, lässt mich für die Zukunft hoffen.

TS: Ich bin mutiger geworden.

Was hat Ihnen an den Kletterkursen am besten gefallen?

ID: Die kleine Gruppe, die umsichtige Trainerin, die sehr schöne Kletterhalle.

TS: Wenn ich einige Schwierigkeiten beim Klettern überwunden hatte und oben ankam, fühlte ich mich gut.

Werden Sie nach Ende der Studie weiter klettern gehen?

ID: Unbedingt! Etwas, das so hilfreich ist werde ich nicht aufgeben.

TS: Ja

Wenn ja, selbständig, oder weiter im Rahmen eines Kurses?

ID: Beides. Als nächstes möchte ich Vorstieg und Sturztraining angehen, mit Hilfe eines Trainers. Möchte aber auch selbständig klettern gehen, bzw. hab mir schon die Kletterhallen der Umgebung angesehen.

TS: In Rahmen eines Kurses.

Ihr habt als Trainer an der Studie Climb Up Head Up! mitgearbeitet. Mit welchen Plänen und Erwartungen habt Ihr eure Kurse begonnen?

MK: Da ich vorher schon reguläre Seniorenkurse im Sportzentrum Marswiese geleitet habe, wo auch zwei Teilnehmer mit der Diagnose Morbus Parkinson dabei waren, hatte ich ungefähr eine Vorstellung, was auch mich zukommen könnte und war zuversichtlich, dass mein Programm funktionieren wird. Mein Ziel war in erster Linie, die Teilnehmer zu ermutigen, sich auf die für die meisten völlig fremde Welt des Sportkletterns einzulassen, ihnen zu zeigen, was sie sozusagen „auf Anhieb“ schaffen können und nach und nach mit ein paar Grundtechniken das Gerüst zum Klettern mit immer mehr Freude und Motivation durch Erfolge aufzubauen. Die Teilnehmer sind großteils mit einer gewissen Skepsis zum Kurs angetreten und es hat großen Spaß gemacht ihre Verblüffung zu beobachten, wenn sie gemerkt haben was geht.

MP: Ich habe es mehr oder weniger auf mich zukommen lassen. Da ich im Vorfeld zwar Erfahrung mit einem autistischen Kletterer, nicht aber mit Parkinson Patienten sammeln konnte, hatte ich keinen besonderen Plan. Ziel war auf jeden Fall, die individuellen Defizite bzw. Beschwerden spezifisch anzusprechen, vor allem beim Aufwärmen. Das betraf insbesondere feinmotorische und balancetechnische Herausforderungen. Insgesamt war ich auf spannende Kletterstunden und neue Herausforderungen gespannt.

Sind es ganz gewöhnliche Kletterkurse für Erwachsene?

MK: Nein, die Schwerpunkte sind hier anders gesetzt. Wie man aus dem Namen des Projekts ableiten kann, geht es primär um den Einsatz des Sportkletterns als therapeutische Methode zum Trainieren von koordinativen Fähigkeiten, zum Kraftaufbau und zur Verbesserung der Beweglichkeit, was zu mehr (Tritt)sicherheit im Alltag und dadurch zur nachhaltigen Steigerung des Wohlbefindens und der Lebensqualität der Parkinsonpatienten beitragen soll. Zum Unterschied von gewöhnlichen Kletterkursen gibt es keine festgelegten Kompetenzziele für Kletter- und Seiltechnik. Es wird auf flachen, nach vor geneigten Wänden im koordinativen Bereich geklettert, dabei wird stets besonders auf Befindlichkeiten und Tagesverfassung der Teilnehmer geachtet. Sicherheit beim Seilklettern ist selbstverständlich wie bei allen anderen Kursen für uns Trainer die oberste Priorität. 

MP: Nein. Auf Grund der neurologischen Beeinträchtigungen sind die normalerweise vorgesehenen Kursziele in vielen Fällen in der vorgegebenen Zeit nicht zu erreichen. Inhaltlich und im Umgang mit den Menschen habe ich mich aber bemüht, keinen Unterschied zu normalen Kursen zu machen. Die Folgekurse versuche ich noch „normaler“ zu gestalten und vor allem klettertechnische Inhalte auch an der Boulderwand zu vermitteln. Im Bereich Sicherungstechnik halte ich die meisten der Kletterer für fähig, eine solide Toprope Sicherungstechnik zu erlernen, auch ohne Hintersicherung. Die Vorstiegstechnik traue ich auf Grund des höheren Sturz- und Verletzungsrisikos sowie der erforderlichen Reaktionsschnelligkeit nicht allen Teilnehmern zu. Das ist aber in normalen Kursen teils auch so…

Wie groß waren die Gruppen?

MK: Die Gruppengröße war vom Auftraggeber auf 3 Teilnehmer festgelegt, um eine individuelle Betreuung für jeden einzelnen zu ermöglichen. So konnte ich in den ersten Einheiten einen Teilnehmer am Seil sichern, ohne die restlichen zwei zu lange „nur zuschauen“ zu lassen. Einige Teilnehmer waren allerdings bald bereit, selbstständig Partner zu sichern, wodurch die Kletterzeiten am Seil, bzw. die Anzahl der Routen bald grösser wurden. Da war es dann auch kein Problem, eine Gruppe von 4 oder 5 Personen zu leiten, was bei mir durch das Nachholen von versäumten Einheiten durch Teilnehmer aus anderen Gruppen öfters vorkam.

MP: Drei Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Was hat gut funktioniert, oder musstet Ihr etwas anpassen?

MK: Ich musste definitiv meine Anforderungen an die Teilnehmer erhöhen. Alle haben in der Vorstellungsrunde sehr offen über ihre Krankheit und eventuelle Einschränkungen gesprochen. Die Aussage „jeder hat seinen eigenen Parkinson“ ist bei mir besonders hängen geblieben und half mir, meinen Blickwinkel zu ändern. Anfangs war ich unsicher, was ich den Teilnehmern zumuten kann, und fürchtete, sie zu überfordern, merkte aber bald, dass es völlig unbegründet war. Ein Beispiel ist das Thema Partnersichern beim Klettern am Seil: ich musste erst lernen dass das „Zittern in den Händen“, was übrigens unter den Teilnehmern von „sehr stark“, über „kaum merkbar“ bis „gar nicht existent“ vorkam, absolut nicht bedeutet, dass der- oder diejenige nicht in der Lage wäre, selbstständig und ordnungsgemäß das Sicherungsgerät zu bedienen, das Seil anzuziehen und auszugeben und sicher und kontrolliert den Kletterpartner abzulassen. 

Auch ein Klettertechnikunterricht wurde von den Teilnehmern ausdrücklich gefordert. Einigen wurde es sehr bald zu wenig, „nur bunt“ an großen Henkelgriffen zu klettern und wollten mehr. Dabei haben sie über mangelnde Armkraft geklagt, die sie schnell an ihre Grenzen stoßen lässt. Sie wollten dann zum Beispiel unbedingt etwas über Tritttechnik und die Körperpositionierung erfahren, um die Kraftdefizite zu kompensieren.

MP: Die Teilnehmer sind sehr gut miteinander ausgekommen und haben gut aufeinander Rücksicht genommen, wenn es mal langsamer ging oder jemand länger gebraucht hat. Sichern, Seilhandling und andere sicherheitsrelevante Dinge haben gut funktioniert, weil sich alle auch über die Bedeutung bewusst waren. Klettertechnik ist vielleicht ein wenig kurz gekommen, da in der Studie das Bouldern nicht vorgesehen war. Prinzipiell habe ich immer versucht, flexibel zu sein, damit niemand über- oder unterfordert war.

Climb Up Head Up! war eine Pilotstudie, was würdet Ihr Kursleiterinnen und Kursleitern aus eurer Erfahrung empfehlen? Worauf sollten Sie achten, wenn Sie Kletterkurse für Menschen mit Morbus Parkinson leiten?

MK: Eine ausgedehnte und abwechslungsreiche Aufwärmrunde mit Mobilisation und Aktivierung, Kraftübungen, Koordinations- und Gleichgewichtsübungen, Übungen für Feinmotorik, kognitiven Übungen (Gehirnjogging) usw. macht Sinn und Spaß. Auf die Boulderwand zum Aufwärmen und Technikerwerb würde ich nicht verzichten, allerdings lasse ich die Teilnehmer wegen Sturzgefahr nur in der Bodennähe klettern bzw. die Wand queren, so dass sie immer sicher absteigen können.Lasst den Teilnehmern genügend Zeit am Seil, auch wenn sie sehr langsam klettern und lange rasten, achtet darauf, wer Tipps zum Weiterkommen braucht und wer dies als störend bzw. gar nicht wahrnimmt. Redet mit den Teilnehmern, schafft eine lockere, gemütliche Atmosphäre. 

MP: Tempo rausnehmen, geduldig und flexibel sein, möglichst gut auf die Teilnehmer eingehen. Das ist noch wichtiger als in anderen Kursen. Wichtig ist auch, dass es hier mehr um die Bewegung an sich geht, etwas mit den Fingern zu tun und beschäftigt zu sein. Der Leistungsgedanke beim Sportklettern rückt hier deutlich in den Hintergrund und es ist wichtig, das auch so handzuhaben.

Welche Veränderungen habt Ihr bei euren Teilnehmer*innen im Laufe der Kurse beobachtet.

MK: Nach anfänglichem langsamen Herantasten an die Wand, haben so gut wie alle Teilnehmer einen bemerkenswerten Ehrgeiz und Willen sich zu „plagen“ entwickelt. Sicher, die körperliche Verfassung der Teilnehmer, ihre Beweglichkeit, und der Umgang mit der Höhe waren natürlich unterschiedlich. Es gab ängstlichere und mutigere Teilnehmer. Aber ausnahmslos jeder hat im Laufe der 12 Einheiten auf seinem Niveau bemerkenswerte Fortschritte geschafft. Es war schön für mich zu beobachten, wie einer, der sich zuerst an der Wand in 2 Meter Höhe krampfhaft an die Griffe krallte, sich später seelenruhig und in gut gewählten Rastpositionen kräftesammelnd bis zum Top durcharbeitete. Oder eine Teilnehmerin, die mit einfachsten „Leiterrouten“ anfing, einige Versuche und Techniktipps später eine 5b farbrein meisterte. Auch haben einige Teilnehmer über gesteigerte Selbstsicherheit bei Alltagsverrichtungen wie Gardinen aufhängen oder Glühbirne wechseln berichtet.

MP: Alle sind mutiger geworden, die Bewegungen flüssiger und sicherer. Aufgaben, die am Anfang noch Tremor verursacht haben, sind mit der Zeit immer besser bewältigt worden. Bei einer Teilnehmerin ist mir aufgefallen, dass sie sich eigentlich immer sehr langsam bewegt. Ein paar Mal war sie dann in einer instabilen Position beim Klettern, wollte aber unbedingt weiter und war dann eigentlich dazu gezwungen, sich schnell zu bewegen. Und es hat funktioniert. Zumindest diese eine Bewegung, die schnell sein musste, war dann auch schnell!

Was waren eure persönlichen Höhepunkte?

MK: Meine Höhepunkte waren all die großen und kleinen Erfolge der Teilnehmer an der Wand und wie sie sich darüber gemeinsam freuten. Ich genoss die Stimmung, die entspannte Atmosphäre in unseren Kursen, es hat mich berührt wie sich alle gegenseitig unterstützten und motivierten. Es war lustig, der Schmäh ist immer gerannt. Und ich war sehr stolz wenn ich neben meinem Beitrag den Erfahrungsbericht meines Teilnehmers Walter Schüberl in der 30. Ausgabe von Parkinson Wien News gelesen habe, in dem er schildert, wie er trotz Höhenangst das Klettern für sich entdeckt hat  – das war ein echter persönlicher Höhepunkt für mich.

MP: Die positiven Rückmeldungen der Teilnehmer und die persönliche Beziehung, die sich aufgebaut hat.

Ihr werdet auch nach Ende des Projekts Kletterkurse für Menschen mit Parkinson anbieten. Was hat sich für euch durch die Kurse verändert?

MK: Ich bin sehr dankbar dass ich an der Studie mitwirken konnte, es war eine lehrreiche und emotionale Erfahrung für mich. Meine „Schüler“, deren Humor und positive Lebenseinstellung und auch ihr Umgang miteinander haben mich inspiriert und definitiv Lust auf mehr Parkinson Kurse gemacht.         

MP: Für mich hat sich ein neuer Tätigkeitsbereich eröffnet, den ich vor allem auf Grund der persönlichen Erfahrungen und positiven Rückmeldungen der Teilnehmer weiterführen möchte.

 

Weitere Informationen:

 CLIMB UP, HEAD UP!

Die Studie CLIMB UP, HEAD UP! findet an der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Wien in Kooperation mit dem Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien, der RMIT University Melbourne und der Universität Kiel statt. 

Aktuell werden noch Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesucht.

Weitere Informationen: www.meduniwien.ac.at/climbing

Kontakt: 

Dr.med.univ. Heidemarie Zach, Bakk.rer.nat

Mag.phil. Lucia Gaßner, Bakk.rer.nat.

Medizinische Universität Wien

Universitätsklinik für Neurologie, Spitalgasse 23, 1090 Wien

heidemarie.zach@meduniwien.ac.at

Tel.: +43 (0)1 40400-31170

Kletterkurse für Menschen mit Morbus Parkinson

Mira Kühnert und Markus Pisecker leiten Kletterkurse für Menschen mit Morbus Parkinson.

Ort: Kletterhalle Marswiese, 1170 Wien, Neuwaldegger Straße 57 A

www.climbonmarswiese.at

Klettergruppe der Parkinson Selbsthilfe Wien

Die Klettergruppe wurde im Rahmen der Studie CLIMB UP, HEAD UP! gegründet.

Kontakt:                                                       

Gerhard Kokoll, Telefon: 0677-616 078 82

www.parkinson-selbsthilfe.at

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